Krimi-Ecke

Auf dem Bauch der Leiche lag ein Babyschuh, gestrickt aus rosaroter Wolle.

Gefesselt. Verstümmelt und grausam ermordet. Chefinspektor Toni Wakolbinger und seine junge Assistentin Cindy Panzenböck finden so die Leiche eines angesehenen Arztes auf. Kündigt der rosarote Babyschuh auf dem Bauch des Toten den Beginn einer Mordserie an? Diese Befürchtung wird zur Tatsache, während sich das ungleiche Duo zusammenraufen muss. Ein Mord nach dem anderen geschieht, immer brutaler, jedes Mal gekennzeichnet mit dem Schuh. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Montag, 4. Juni 2018 – 8:15 Uhr


Der Tote wirkte grotesk. Ein Mann verdreht in einem gynäkologischen Stuhl. Entblößt. Verstümmelt. Seine Beine waren an den Fußstützen festgebunden, die Enden der ausgefransten Schnur hingen lose herab. An der Schläfe ein winziges Blutrinnsal. Der Hals blutbeschmiert, verursacht durch einen dünnen Draht, der rundum tief hineinschnitt. Der Mund verklebt mit einem Stück Tape, das mehrmals um die untere Partie des Gesichts gewickelt war.
Das Schlimmste waren die Armstümpfe, mit Klebe-band an den Füßen fixiert. Darunter lagen in einer Menge getrockneten Blutes die beiden abgetrennten Hände.
Auf dem nackten Bauch der Leiche lag ein Baby-schuh, gestrickt aus rosaroter Wolle.
Chefinspektor Toni Wakolbinger stand breitbeinig in der Tür. Von draußen erklangen die Würggeräusche von Inspektor Amadeus Franz, seinem jungen Assistenten, der einen Busch mit seinem Mageninhalt ent-weihte. Hoffentlich kleckerte er nicht auf seine Designerhose, dachte Toni.
Auch ihm selbst war mulmig zumute. In seiner gesamten Laufbahn war ihm ein so schreckliches Bild noch nicht untergekommen. Die Beamten der Spurensicherung fotografierten, nahmen Abstriche mit Wattestäbchen und färbten Handgriffe ein, um Fingerabdrücke zu finden.
Die beträchtliche Gruppe in weißen Overalls bewegte sich fast lautlos. Doppeldoktor Erpel, der Gerichtsmediziner, ein drahtiger Mann, hatte ebenfalls einen Schutzanzug an und untersuchte den Toten.
Der Schock stand deutlich in die Gesichter der An-wesenden geschrieben; einen grauenvolleren Tatort hatte bisher keiner von ihnen gesehen. Schweigend verrichtete jeder seine Aufgabe.
Toni sah sich um. Die Umgebung zeugte von Geld. Snobismus. Upper class. Das verstärkte den Eindruck dieses schrecklichen Verbrechens, ohne dass er es begründen konnte. Er musterte in Zeitlupentempo die Antiquitäten in der Arztpraxis. Der verglaste Biedermeierschrank wirkte gepflegt, ebenso die dazu passende lackierte Truhe. Toni bewegte sich darauf zu, betrachtete die Möbel aus der Nähe, drehte sich wieder um, erstarrte.
Was war das bitte?
Hitze schoss ihm in die Wangen. »Bin ich von Idioten umgeben?« Das Team zuckte unter seinem donnern-den Tonfall zusammen. »Wer ist dafür verantwortlich?« Er wies auf das Mädchen in blauer Hose und buntem Top, das um die Leiche herumging und sich vorbeugte, um ... Mit zwei Schritten war er bei ihr und zog, nein, riss sie zurück. »Finger weg! Das ist kein Spielplatz.«
Sie sah ihn an. Große braune Augen in einem schmalen Gesicht, spitze Nase, höchstens eins sechzig, schlank, die dunkelblonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Eine Schülerin am Tatort? Was zum Teufel tat sie hier?
Und wer hatte ihr die blauen Plastiküberschuhe gegeben, die alle hier tragen mussten?
»Chefinspektor Wakolbinger?«
Die helle Stimme gefiel ihm. Was dachte er da? Er machte sich größer. »Wie er leibt und lebt. Und dich persönlich mit einem Fußtritt hinausbefördern wird, wenn du nicht auf der Stelle Land gewinnst. Rekrutie-ren sie euch Journalisten heutzutage im Kindergarten?«
»Sie sind genau so, wie ich Sie mir vorgestellt habe.« Grinste das unverschämte Weibsstück auch noch? »In Ihrem Büro erfuhr ich, dass Sie hier sind. Ich wurde Ihnen zugeteilt, ich meine, Ihrem Team.«
»Sehe ich aus wie ein Babysitter?« Er sah über die Köpfe der anderen hinweg. »Franz? Bist du endlich fertig mit kotzen? Dann nimm die Göre mit hinaus.«
Der Beamte mit der gestylten Föhnfrisur war weiß wie das Hemd, das er trug, dennoch nickte er und wollte die unliebsame Besucherin am Arm packe
n.
Die entkam ihm durch eine Seitendrehung und hielt plötzlich einen Ausweis in der Hand. »Revierinspektor Panzenböck meldet sich zur Stelle. Ich freue mich, dass ich in Ihrem Team sein darf.«
Wakolbinger holte mehrmals Luft, ehe er seiner Stimme wieder vertraute. »Das kann nicht wahr sein! Wir haben einen brisanten Fall, einen, den ich in meinen gesamten Berufsjahren noch nie erlebt habe und man stellt mir eine Anfängerin zur Seite?«
»Besser als nichts.« Ihre Bemerkung kam trocken und hart, dann drehte sie sich um und kehrte zur Leiche zurück.
»Stopp!« Wakolbinger stampfte hinterher. »Der Tatort ist noch nicht freigegeben.«
»Ist er.« Sie nickte zur Tür hin. »Abteilungsinspektor Gerfried von der Spurensicherung hat es mir vor zwei Minuten mitgeteilt.«
»Gerfried!«, brüllte er.
Ein Mann mit verstrubbelten Haaren sah um die Ecke. Der diensthabende Leiter des Teams der Spurensicherung hatte sich offensichtlich gerade die Kopfbedeckung heruntergezogen.
»Ist der Tatort begehbar?«
»Hab ich schon Ihrer Assistentin gesagt. Behaltet aber eure Plastiklatschen an.«
»Das ist nicht meine Assistentin!«
»Bin ich doch.« Cindy deutete auf den Toten. »Wir sollten uns an die Arbeit machen.« Sie drehte sich zu einem untersetzten Beamten in Uniform um. »Waren Sie der Erste am Tatort?«
»Die Haushälterin, Frau Meisenbrink, hat uns verständigt. Um genau sieben Uhr dreiundzwanzig ging der Anruf ein. Wir sind sechs Minuten danach hier eingetroffen, das Team der Spurensicherung kam eine halbe Stunde später.«
Wakolbinger schob das freche Mädchen zur Seite. Was erlaubte sie sich, hier Fragen zu stellen? »Was wissen Sie über das Opfer, Koller?«
Der Gruppeninspektor zückte seinen Notizblock. »Der Tote ist Medizinalrat Doktor Friedhelm Leitner, neunundsechzig Jahre alt. Er war Gynäkologe, prakti-zierte aber seit vier Jahren kaum mehr. Diese Villa gehörte schon seinen Eltern.« Koller blätterte um.
»Er ist verheiratet, ein Sohn, die Ehefrau ist zurzeit auf Kur.«
»Er war allein im Haus?«
»Ja. Die Haushälterin hat ihn heute Morgen bei Dienstantritt gefunden. Sie schläft nicht hier.«
Toni wandte sich dem Gerichtsmediziner Erpel zu, der schon seine Tasche zusammenpackte. »Wann ist er gestorben?«
»Ich schätze, das Opfer ist seit circa dreißig Stunden tot. Die Totenstarre ist fast vollständig gelöst, die Totenflecken sind ausgeprägt vorhanden und die Horn-haut bereits getrübt. Wenn man einberechnet, dass die Starre bei der Hitze rasch nach dem Tod eingesetzt hat, dann starb er in der letzten Nacht.«
»Woran?«
»Genaues kann ich nach der Obduktion sagen. Er ist vermutlich an den Wunden der Armstümpfe verblutet, möglicherweise auch ein Kreislaufschock. Was ich auf den ersten Blick sehe, ist, dass die Hände sorgfältig abgetrennt wurden. Es muss einer gewesen sein, der etwas davon versteht.«
»Ein Arzt?«
»Zum Beispiel. Ein Chirurg eventuell. Vielleicht auch ein Medizinstudent, der im Sezierkurs geübt hat.«
»Ein Profi, ein Irrer? Was ist das hier? Eine Hinrichtung, ein Racheakt?«, meldete sich seine neue Assistentin. Sie hatte die Unterlippe vorgeschoben und betrachtete den Toten.
Toni drehte sich zu ihr um. »Tatsächlich?«

….
 

In seidenweichem Tonfall, der bis zu diesem Zeitpunkt immer die Alarmsignale seiner jeweiligen Gesprächspartner aktiviert hatte. Sein inneres Brodeln wuchs. Ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. »Ein Racheakt? Was für eine wagemutige Annahme! Haben Sie Psychologie studiert?«
»Habe ich.« Sie wich seinem Blick nicht aus. »Summa cum Laude. Aber das tut hier nichts zur Sache. Ich habe lediglich an den Babyschuh gedacht. Das hat bestimmt eine Bedeutung.« Sie seufzte. »Das Opfer muss unendliche Schmerzen gelitten haben.«
»Ohne Zweifel.« Was mischte sich der Doppeldoktor ein?
Toni fixierte Cindy. »Wahnsinn! Na, dann Prost Feierabend. Fräulein Siebengescheit hat den Fall bereits gelöst.«
Sie zuckte die Achseln. »Sehen Sie sich den Babyschuh auf seinem Bauch an. Es ist ein Anhaltspunkt, dass es vielleicht ein persönliches Motiv gibt.«
Wakolbinger schaffte es gerade noch, ein Nicken zu verhindern. Er würde den Teufel tun, und ihr recht geben.
Der Gerichtsmediziner räusperte sich. »Wenn Sie beide sich einig sind, wer an dem Fall weiterarbeitet: Ich setze die Obduktion gleich heute um fünfzehn Uhr an. Wer dabei sein will, soll pünktlich sein. Bis später.« Er eilte durch die Tür die Eingangsstufen hinunter.
Tonis Blick fiel auf Gruppeninspektor Koller, dessen Mundwinkel zuckten. Der sportlich durchtrainierte Mittvierziger war Zeuge ihrer Unterhaltung geworden.
Das fehlte ihm noch, hier eine unfreiwillige Show-Einlage zu liefern! Er wandte sich an seine ungewollte Teamkollegin: »Na gut, was ist Ihre Meinung, Panzinger?«
»Panzenböck. Nennen Sie mich einfach Cindy, das ist mir am liebsten.« Sie rieb kurz über ihre Nase. »Der Babyschuh wurde bewusst platziert, auch fehlt ein zweiter. Also steckt eine Aussage dahinter. Als Gynäkologe betreute das Opfer bestimmt viele Schwangere. Möglicherweise hat er etwas übersehen und ein Kind kam zu Schaden?«
»Ein Anhaltspunkt.« Wakolbinger nickte nun doch und drehte sich zu Koller. »Wo ist die Haushälterin?«
Der Gruppeninspektor sah auf seinen Block. »Frau Meisenbrink. Sie sitzt in der Küche.«
»Also, Panze, auf geht’s.«
Er ging voran und sie folgte ihm sofort.
Eine ältere Frau, deren graue Haare zu einem Knoten aufgesteckt waren, saß zusammengesunken über den Tisch gebeugt, eine Flasche Weinbrand vor sich. Sie hob den Kopf, als die Beamten zu ihr traten. »Tut mir leid, das habe ich gebraucht.« Tränen liefen ihre Wangen hinab.
Wakolbinger inspizierte den Raum. Altmodische Einrichtung, viel Holz und abgenützte Arbeitsplatten. Aber alles sauber und aufgeräumt.
»Was können Sie uns über Ihren Chef erzählen?« Er setzte sich auf einen der alten Holzstühle gegenüber von Frau Meisenbrink.
Cindy zog ein iPad aus ihrer Umhängetasche, legte es auf die Ablage neben dem Herd und schaltete es ein. Wakolbinger sah aus dem Augenwinkel, dass sie zu tippen begann.
»Er war ein hervorragender Arzt, ganz gewiss ... gewissenhaft.« Die Haushälterin schenkte sich nach. »Dass er jetzt daliegt, im eigenen Blut, ohne Hände!« Sie schluchzte kurz auf. »Was hat er nicht alles getan mit seinen Händen. Nur Gutes.«
»War eine seiner Patientinnen vielleicht wütend auf ihn? Unzufrieden, weil er sie falsch oder unfreundlich behandelt hatte?«
»Bestimmt nicht!« Die Frau schluchzte erneut. »Das kann es nicht sein. Er war durch und durch kompetent.«
»Regen Sie sich nicht auf, Frau ... äh ...« Er rieb über seine Stirn.
»Frau Meisenbrink, das sind Routinefragen. Fühlen Sie sich in der Lage, dem Chefinspektor zuzuhören?« Cindy beugte sich vor. »Möchten Sie ein Glas Wasser?«
Wakolbinger beherrschte sich und drehte die Augen gen Himmel, zum Ausgleich trommelte er mit den Fingern auf den Tisch.
Der Blick der älteren Frau flackerte, sie legte die Hände um das Weinbrandglas. »Nein, danke. Es geht schon.«
»Erzählen Sie, wie und wann Sie ihn gefunden haben«, sagte er, nun behutsam, zu ihr. »Die kleinste Kleinigkeit ist von Bedeutung für uns.«
Sie blinzelte ein paar Mal, führte das Glas zum Mund, trank einen kräftigen Schluck, leckte sich über die Lippen. Seufzte. »Ich kam wie jeden Wochentag um halb sieben ...«
»Sie sind am Wochenende nie hier?«
»Nein. Nur bis Samstagmittag.«
»Haben Sie Doktor Leitner da zum letzten Mal gesehen?«
»Ja. Ich habe ihm sein Mittagessen gekocht und warmgestellt. Dann habe ich mich verabschiedet, er saß im Wohnzimmer, las ein Buch und hat mir noch ein schönes Wochenende gewünscht.« Sie schluchzte erneut. »Er war so freundlich, der Herr Doktor.«
»Wann war das genau?«
»Es war elf Uhr, ich gehe samstags um diese Zeit.«
»Es war alles normal – wie immer?«, fragte Toni.
»Ja.«
»Gut, dann erzählen Sie weiter. Sie kamen also um halb sieben herein?«
»Ja, durch die Hintertür. Sie müssen wissen, die Herrschaften wollten, dass ich von hinten komme. Der vordere Eingang ist nur für die Gäste. Sogar der Briefträger ...« Sie brach ab. »Ich schweife ab, entschuldigen Sie, das tue ich immer, wenn ich aufgeregt bin. Dann kommt mir alles in den Sinn ...« Wiederum eine Pause. Sie schluckte. »Also, ich komme hinein, es war still im Haus, das war komisch, aber mein Gott, ich wusste ja nicht, dass ... da war er ja schon tot!« Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Schürzentasche und schnäuzte sich.
»Frau Leitner war nicht im Haus?«
»Nein. Sie ist für drei Wochen verreist.«
»Wohin?«
»Nach Bad Gleichenberg zur Kur. Das gönnt sie sich öfters, das Thermalwasser braucht sie für die Nieren, sagt sie. Weil sie hatte ja diese Nierenkolik vor ein paar Jahren.«
»Sie kamen also ins Haus. Was taten Sie dann?«
»Ich habe alles für das Frühstück vom gnädigen Herrn vorbereitet. Er isst Müsli mit Bananen, dazu trinkt er schwarzen Kaffee. Anschließend will er immer Rührei mit Speck. Wollte.«
»Eine ausgiebige Mahlzeit.«
»Der Herr Doktor brauchte die Energie für seinen Job. Oft hatte er nicht einmal eine Mittagspause.«
»Ich dachte, er war im Ruhestand?«
»An sein Frühstück hat er sich gewöhnt und ab und zu hatte er noch Sprechstunde.« Sie genehmigte sich einen weiteren Schluck. »Schrecklich, der arme Herr Doktor.«
»Wann haben Sie bemerkt, dass etwas nicht stimmen konnte?«
»Kurz nach sieben. Der Herr Doktor steht immer vor sieben Uhr auf und kommt dann auf die Minute pünktlich zum Frühstück. Dieses Mal nicht. Ich habe mich gewundert und bin ins Treppenhaus, doch es war totenstill. Ich meine ... das ist jetzt ... ich wusste ja noch nicht ...« Die Haushälterin strich sich einige Male über den Haarknoten, der ohnehin fest saß.
Toni sagte sich, komm schon, rede endlich weiter, und laut: »Und dann haben Sie nachgesehen?«
»Erstmals nicht, ich habe gerufen. ›Herr Doktor, Ihr Frühstück ist fertig‹, doch es kam keine Antwort.«
»Wann sahen Sie nach?«
»Vielleicht so zehn Minuten später. Zuerst im oberen Stock. Sein Bett war unberührt. Das Zimmer von der Frau Doktor war abgesperrt.«

»Wieso denn das?«
Die Haushälterin sah verlegen auf ihren Schoß. »Die Frau Doktor will nicht, dass seine Flittchen, wie sie sich ausdrückt, ihren Raum betreten können. Daher hat sie ihre zwei Zimmer abgesperrt.«
»War es seine Angewohnheit, Damen während der Abwesenheit von Frau Leitner hierherzubringen?« In Cindys Stimme schwang unüberhörbar Empörung mit. »Haben Sie Namen der Besucherinnen, Telefonnummern, Adressen? Eventuell gibt es einen Terminkalender, den wir übersehen haben?«
»Ich rühre doch den Terminkalender vom Doktor nicht an, also bitte!«
Cindy lächelte beruhigend, machte sie gut, musste Toni einräumen. »Natürlich. Aber wie war das mit den Besucherinnen, was sagte die Ehefrau dazu?«
»Frau Doktor wusste Bescheid und es war ihr gleichgültig. Nur ihre Räumlichkeiten hielt sie verschlossen.«
»Zurück zu heute Morgen.« Wakolbingers Blick verbot seiner neuen Assistentin jedes weitere Wort. »Wann kamen Sie auf die Idee, in der Praxis nachzusehen?«
»Gleich danach. Es kam mir komisch vor, dass der Herr Doktor nichts davon gesagt hatte, dass er nicht da sei. Das hat er immer verlässlich gemacht. Ich bin außen herum gegangen, auch wenn es eine innere Verbindung zum Wohnbereich gibt, der direkt in die Praxisräume führt. Doch eventuell hätte der Herr Doktor gerade eine Patientin gehabt, nicht auszudenken, wäre ich da reingeplatzt. Also bin ich durch den Garten, um zu schauen, ob vielleicht das Auto einer Patientin dort stand. Die Tür zur Praxis war nur angelehnt und ich bin hinein. Es war still, so furchtbar still ...«
Sie schluchzte wieder auf, Cindy legte die Hand auf ihre Schultern. »Ganz ruhig, Frau Meisenbrink. Atmen Sie tief durch und versuchen Sie sich zu erinnern, was Sie zuerst gesehen haben.«
Die Haushälterin stammelte: »Ich sah das Blut auf dem Boden und ...« Sie umschlang ihren bebenden Körper mit den Armen. »... die Hände und dann erst sah ich ihn liegen, auf dem Stuhl, nackt! Ich habe ihn nie zuvor nackt gesehen. Oh, das war einfach würdelos. Der Herr Doktor war immer so ein feiner Herr im Anzug. Er trug sogar in der Freizeit, seidene Hemden.«
»Und dann haben Sie den Notruf gewählt?«

  • Lotte R. Wöss
  • Lotte R Wöss

© 2018 Lotte R. Wöss

Lotte R. Wöss

Autorin