Der neue Liebesroman

Veilchen küsst Distelprinz

Juliane ist Studentin an einer Modeschule in Berlin. Nach einer schweren Enttäuschung flüchtet sie in ihre Heimat am Starnberger See. Dort trifft sie auf Guido, mit dem sie einen wundervollen Abend verbringt.  Der Kontakt reißt nicht ab, sie schreiben und telefonieren. Juliane hofft auf mehr.

Guido möchte die Beziehung abbrechen, obwohl ihm Juliane nicht gleichgültig ist, denn er ist unfähig, Menschen körperlich nahe zu kommen. Er kann ihr nichts bieten, keine Umarmung, kein Streicheln, keinen Kuss.

Aber Juliane will Guido nicht verlieren und kämpft um ihn.  Als sie jedoch hinter sein schlimmstes Geheimnis kommt, fragt sie sich, ob ihre Liebe stark genug ist, seine Dämonen besiegen zu können.

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Leseprobe

»Bist du heute bei der Dicken?«

»Ja. Ich frage mich, ob sie wirklich glaubt, dass sie Karriere machen kann.«

»Ihre Kleider sind klasse.«

»Das stimmt. Aber in der Branche muss man schon ein gewisses Auftreten haben. Obwohl sie ihre Rundungen gut kaschieren kann, das muss man ihr lassen. Eine Schönheit ist sie ja nicht, vor allem diese grässlichen Sommersprossen …«

»Ihr Freund schaut super aus.«

»Was der an ihr findet?«

»Ich habe gehört, sie kommt aus einer reichen Familie.«

»Ah!«

Der Lauscher an der Wand! Juliane holte Luft. Ihre Hände schwitzten und sie formte eine Hohlhand, damit die Kleider, die sie an sich gedrückt hielt, nicht etwa Flecken bekamen. Ihr Magen ballte sich zu einem schweren Klumpen zusammen. Der fettige Donut, den sie kurz zuvor hinuntergeschlungen hatte, drohte, den Weg retour zu nehmen. Sie blieb stehen und schloss die Augen.

Ruhe! Du hast nichts gehört.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren hatten sich zahlreiche Vorstellungen von Juliane, was Studium und Ausbildung betraf, als naive Illusionen entpuppt. Hier, an der privaten Modeakademie in Berlin tobte der Konkurrenzneid. Da an Julianes Designs nichts auszusetzen war, konzentrierten sich die feinen Spitzen auf ihr Aussehen. Das passte so gar nicht in die Glitzerwelt der mageren Models und des äußeren Scheins. Juliane hatte sich nie als dick empfunden, aber gemessen an den Magerhaken, die ihre weiblichen Formen durch einen Push-up-BH modellierten, fiel sie natürlich auf. Mit einer Körpergröße von eins sechzig verteilten sich ihre knapp fünfundfünfzig Kilo auf üppige Kurven.

»Juliane, ich bin ja so gespannt, wie deine neuen Kreationen ankommen!« Eiskristalle bohrten sich in ihre Haut, obwohl die Stimme liebevoll flötete. »Du bist ja schließlich unsere Allerbeste.« Niemand verstand sich in dieser Meisterschaft, lobende Worte allein durch den Tonfall ins Gegenteil zu verwandeln, so perfekt wie Tanja.

Die kühle Schönheit, Marke Barbiepuppe, war von Beginn an Julianes Feindin gewesen. Am Anfang hatte Juliane sich noch um Freundlichkeit bemüht. Aber die Berlinerin hatte die Fronten bereits nach kurzer Zeit abgesteckt. Sie wollte die Königin der Klasse sein, Konkurrenz war ihr ein Dorn im Auge.

Juliane atmete flach, bekämpfte die verstärkte Übelkeit. Nur keine Schwäche zeigen. Tanja stand vor ihr, gertenschlank, die honigblonden Haare lockig gestylt, der fleischgewordene Männertraum. Zudem war sie niemals allein. Zwei Freundinnen­ – oder besser: Speichelleckerinnen? – begleiteten sie auf Schritt und Tritt. Die dunkelhaarige Silke und die rotblonde Vanessa, ebenfalls beide dünn und groß gewachsen. Alle drei balancierten Getränkedosen vor sich her, zusätzlich zu ihren Kleiderbündeln.

»Bestimmt hast du wieder ein Über-Drüber-Design.« Silke kiekste, strich mit der Hand ihre Kleiderhüllen entlang. »Da sehen meine simplen Kleidchen blass aus, nicht wahr?«

»Das ist doch Unsinn!« Julianes Hals kratzte. Es war schwer, alle drei im Auge zu behalten. Was hatten sie vor?

»Wäre wirklich schade, wenn deinen Arbeiten etwas passieren würde. Ein bedauerlicher Unfall ist rasend schnell geschehen.« Vanessa hob ihre Getränkedose und neigte sie vorsichtig.

»So ein feuchter Fleck kann alles ruinieren.« Silke grinste.

»Der glatte Boden ist eine Plage. Ein kleiner Fehltritt zum Beispiel.« Die Worte trieften vor Honig, dann gab Tanja ihrer Freundin einen Schubs und Vanessa stolperte nach vorn, ihr Getränk kippte endgültig. Ein Tropfen fiel auf Julianes Kleiderbündel, die Dose war zum Glück leer. Die Kleidersäcke waren nicht wasserdicht und eine Limonadendusche wäre durchgesickert.

Julianes Zunge klebte am Gaumen und sie verfluchte ihre Regungslosigkeit. Sie hatten sich auf das Landei, so nannten sie Juliane unter sich, eingespielt, ließen sie spüren, dass eine aus Bayern – für sie tiefste Provinz – talentierter war als sie. Juliane schluckte. Davonlaufen war ihre einzige Option. Blöd, dass ihre Füße am Boden festgewachsen schienen.

»Was soll das?« Ein hellblonder junger Mann stand auf einmal hinter den kichernden Frauen, die sich sofort zu ihm drehten.

 Ein warmes Gefühl durchströmte Juliane. Ihr Freund Rene war zur rechten Zeit gekommen.

Gerettet.

»Oh, Rene, wir machen nur ein wenig Spaß.« Tanjas Tonfall rutschte einige Oktaven hinauf.

»Juliane ist dermaßen angespannt, es tut ihr gut, wenn wir sie aufmuntern.« Vanessa setzte ihren treuherzigen Dackelblick auf.

Rene trat zu Juliane und legte den Arm um sie. »Beeilt euch besser, sonst schaffen es eure Models nicht, in die Kleider zu schlüpfen.«

Die Mädchen entfernten sich rasch. Juliane zitterte. Sie drückte ihren Kleiderbeutel an sich.

»Lass dich doch nicht immer von diesen Zicken aus der Ruhe bringen.« Rene gab ihr einen flüchtigen Kuss. »Du bist die Beste, die sind bloß neidisch.«

»Es nervt.« Juliane seufzte.

»Beeil dich, es wird knapp.« Er zog den Vorhang zur Seite und schob sie hinein. »Bis später.«

Sie nickte und trat hinein zu ihren Models. Die beiden Mädchen waren bereits in Unterwäsche, legten gerade ihre Privatkleidung zusammen und blickten sie erwartungsvoll an. Gestylte Frisuren, salamidick aufgetragenes Make-up, knallroter Lippenstift und schwarz umrandete Augen, Figuren wie Stabheuschrecken.

Nein, so würde sie niemals aussehen, selbst wenn sie ein Jahr lang nichts zu sich nähme. Sie dachte an das erlauschte Gespräch, doch da war keine Spur von Verlegenheit auf den Gesichtern.

»Hallo, Sanne, hallo, Lydia, seid ihr heute bei mir?« Juliane legte die mitgebrachten Kleider auf den winzigen Garderobentisch vor dem Spiegel. »Seht es euch mal an. Die Größe dürfte hinkommen.«

Die beiden hoben die Kleidung hoch und kieksten entzückt.

»Wow, Wahnsinn. Ich schlüpfe gleich hinein oder möchtest du das rote?«

»Nein, passt schon, das silberne ist genauso cool.«

Es klang ehrlich und hätte Juliane die vorangehenden Bemerkungen nicht gehört, wäre sie überglücklich gewesen. So blieb das wohlige Gefühl der Freude aus. Sie hielt den beiden Models die Kleider, damit sie hineinsteigen konnten, und half ihnen, die Reißverschlüsse hochzuziehen. Das rote Kleid legte sich wie angegossen an Sannes Körper, lediglich die Länge musste Juliane ein wenig raffen. Sie arbeitete rasch mit Nadel und Faden, schließlich drehte sich das aufstrebende Model vor dem Spiegel und brach erneut in Begeisterungsrufe aus.

»Das Etuikleid würde ich dir sofort abkaufen.«

Juliane wandte sich Lydia zu, das silbergraue Kleidungsstück aus dem weich fallenden Seidenstoff schmeichelte der Brünetten, auch hier musste Juliane nur die Taille enger nähen, damit es perfekt passte. Besser zu weit, als zu eng. Zum Glück hatten Tanja und ihre Entourage ihre Garderoben nicht neben der ihren. Garderobe war ohnehin ein gehobener Ausdruck für die lediglich durch an gespannten Seilen herabhängenden Vorhänge getrennten Abteile.

Bei der allerersten Modenschau war es Tanja gelungen, eine Dose Mineralwasser über Julianes Ausstellungsstück zu kippen. Juliane hatte die Kleidung eine halbe Stunde mit wenig Erfolg geföhnt, zum Glück hatte ihr Model sich nicht geweigert, das noch feuchte Stück anzuziehen. Tanja hatte sich im Beisein von Annalena Schmidt, ihrer betreuenden Lehrperson, mehrfach mit Wörtern wie ›bedauernswert‹ und ›Unfall‹ entschuldigt, mit einer falschen Aufrichtigkeit, die aber außer Juliane niemand bemerkt hatte.

Zusammen mit ihrer besten Freundin Effie war Juliane vor zweieinhalb Jahren hergekommen. Auch Effie jagte einem Traum nach, sie besuchte eine private Schauspielschule. Anfangs hatte sie in der Nachbarwohnung gewohnt, seit Effie vor ein paar Monaten zu ihrem Freund gezogen war, war das Heimweh Julianes häufigster Gast. Sie war am Starnberger See in Bayern aufgewachsen. Berlin selbst war nicht ihre Stadt, obwohl sie viel Beeindruckendes zu bieten hatte. Aber der Trubel, die Touristen und die fortwährende Unruhe behagten ihr nicht.

Das Designen hingegen machte Juliane Spaß, ebenso interessierten sie die meisten theoretischen Fächer. Sonst wäre sie schon nach den ersten Wochen heimgekehrt. Und ihr Stolz hielt sie ebenfalls zurück. Sie hatte sich diese Ausbildung gewünscht, heiß und innig. Berlin war ihr als schillernder Glanzpunkt erschienen. Wie konnte sie da zugeben, dass ihre Träume anders ausgesehen hatten?

Zumindest hielt Rene treu zu ihr, obwohl ihr Tanja immer wieder prophezeite, dass er sich schon bald ihr zuwenden würde. Julianes Blick fiel in den Spiegel, als ihr die Worte ihrer Widersacherin einfielen.

»Sieh dich doch an! Moppelig, mit Punkten im Gesicht und tollpatschigem Auftreten. Rene ist auf dem Weg, ein gefragter Modefotograf zu werden, dann bist du nichts als Ballast für ihn.«

Einzig und allein Renes Verhalten bestärkte Juliane darin, dass Tanja, die er eine affektierte Puppe nannte, niemals eine Chance bei ihm hätte.

»Seid ihr fertig?« Timo, Lehrer an der Schule und Organisator der Winter-Schulmodenschau, stand breitbeinig im Gang, hinter sämtlichen Vorhängen kamen die Köpfe hervor. Quietschen und Rascheln. »Noch eine Viertelstunde. Haltet euch bitte an die Startreihenfolge, wie wir es geübt haben. So ein Durcheinander wie das letzte Mal möchte ich nicht mehr erleben. Die einleitenden Worte unserer Direktorin dauern höchstens fünf Minuten, dann geht’s los.«

Die Models wussten, was sie zu tun hatten. Juliane atmete auf. Schade, dass Rene nicht bei ihr hinten bleiben konnte. Der musste Bilder von vorn machen. Sie freute sich für ihn, dass die Aufträge nun häufig kamen. Und sie bereute, dass sie ihn nicht zum Familiensilvester mitgenommen hatte. In ihrer Familie war es Tradition, den Jahreswechsel bei ihrer Großmutter, der Gräfin-Witwe Sofia, zu verbringen, mit sämtlichen Onkeln und deren Familien. Partner brachte man nur mit, wenn es sich um eine ernsthafte Angelegenheit handelte.

Renes Besuch an ihrem Geburtstag im letzten März hatte in einem Fiasko geendet. Er hatte sich mit unüberlegten Bemerkungen über Julianes dreijährigen Cousin Noah, einen Autisten, lustig gemacht und dessen Handicap als »Modekrankheit« bezeichnet. Dadurch hatte Rene sämtliche Familienmitglieder gegen sich eingenommen, auch wenn es ihm hinterher leidtat. Es gab eben keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Zudem hatte Rene keinerlei Ambitionen gezeigt, sie ein weiteres Mal begleiten zu wollen. Er war ganz zufrieden gewesen, Silvester mit Kumpels in Berlin zu verbringen.

»He, träumst du?« Tanja stieß sie an. »Wohl von deinem Lover? Machst du dir Sorgen? Du weißt schon, dass man attraktive Männer nie für sich allein hat?«

»Rene ist absolut treu.« Was redete sie eigentlich noch mit dieser Kuh?

»Meinst du?« Das verdammte widerliche Lächeln! Den Mund verzogen, die Augen glühend ohne die geringste Spur Humor darin. »Adliges Prinzesschen, du wirst bald sehr tief fallen.«

In Juliane brodelte es. Irgendwie hatten sie herausgefunden, dass ihr Onkel ein Graf war, seither betonte Tanja das bei jeder Gelegenheit. Sie ballte ihre Hände.

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  • Lotte R. Wöss
  • Lotte R Wöss

© 2018 Lotte R. Wöss

Lotte R. Wöss

Autorin