Rasende Rache

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I

Übel zugerichtet. Gefoltert. Erhängt im Turnsaal.

 

So wird die Leiche von Hansjörg Marte in Dornbirn aufgefunden. Er war als Querulant bekannt und hatte viele Feinde. Das LKA Bregenz nimmt die Ermittlungen auf.

Doch es bleibt nicht bei einem Toten. Die Spur führt bis nach Graz.

Und wieder sind Chefinspektor Toni Wakolbinger, Cindy Panzenböck und das Team aus Graz gefordert. Diesmal müssen sie mit den Ermittlern aus Vorarlberg zusammenarbeiten, um den grausamen Morden auf die Spur zu kommen. Was die Sache nicht einfach macht, immerhin liegen die Fundorte sechshundert Kilometer auseinander. Nur das Milieu, in dem die Opfer zuhause sind, scheint dasselbe zu sein. Und schnell wird klar, dass es noch weitere Opfer geben wird. Die Zeit läuft davon. Cindy wagt einen folgenschweren Alleingang.

Leseprobe

Irgendwann

Die Männer sprachen, ich verstand nichts und begriff trotzdem. Das Zittern begann und wollte nicht aufhören. Der eine drückte mir seinen Unterarm auf den Hals, sodass ich Angst hatte zu ersticken. Panisch wand ich mich wie eine Schlange, würgte, bäumte mich auf. Doch die Kraft reichte nicht, das Schluchzen blieb mir in der Kehle stecken. Sein Lachen brannte in den Ohren. Er begrabschte mich, der dünne Pullover bot wenig Widerstand für seine riesige Pratze, rau kratzte es auf meiner Haut, als sich schwielige Finger unter den BH schoben. Ich wollte schreien, doch er zerquetschte mir fast den Kehlkopf. Oh Gott, lasst mich atmen! War denn da niemand? Wiederum die unverständlichen Worte, sie klangen höhnisch, erneut gehässiges Gelächter. Wo war der zweite Kerl? Ein Luftzug, mein Rock wurde hochgeschlagen, kalte Finger zerrten an meinem Höschen. Ich spürte, wie es riss. Bitte, nein, tut mir das nicht an. Der Rotz verschloss mir die Nase. Luft! Panik gab mir ein letztes Mal die Kraft, ich trat nach dem Mann. Ein heiserer Fluch, der Druck auf meinen Hals verstärkte sich. Sah denn niemand, was hier passierte? Alles an mir erschlaffte, ich weinte lautlos, erstickt. Das Klappern einer Gürtelschnalle, meine Beine wurden auseinandergerissen. Die Pranke quetschte meine linke Brust und zwirbelte die Brustwarze. Es stach und brannte. Ein Grunzen neben meinem Ohr, kurze Lockerung, ich saugte tief Luft ein, es stank sauer, nach Schnaps. 
Der zweite Mann war zwischen meinen Beinen, drang in mich ein, ein feuriges Messer war in mir. Herrgott, es tat so weh, es zerriss mich. Erneut hämisches Lachen. Schweißig fauliger Geruch rund um mich. Wie Schraubstöcke pressten sich die Finger auf meinen Körper, es tat überall weh. Und der Kerl zwischen den Beinen schob sich vor und zurück, vor und zurück. Was taten die mit mir? Oh Gott, konnte es noch mehr wehtun? Ein lautes Stöhnen und ich spürte es feucht werden. Der Druck um den Hals lockerte sich kurz, ich bewegte den Kopf leicht nach rechts. 
Und da standen zwei Personen, sahen zu. Weshalb halfen sie mir nicht! Ich versuchte zu schreien, sie anzuflehen, mir zu helfen. Warum taten sie nichts? Die Qual war noch nicht vorbei, die Männer hatten bloß die Stellung gewechselt. Der zweite Kerl war nun beim Ohr, zischte mir etwas zu und legte seine Finger um meinen Hals. Sein Atem stank, Herr im Himmel, lass mich atmen. Durch den Tränenschleier sah ich nun den Riesen mit heruntergelassener Hose vor mir knien. Ich zog die Beine an und versuchte, ihn fortzustoßen. Er packte meine Knöchel, hielt mich fest und bohrte sich in mich, es glühte, brannte, biss …

     
An dieser Stelle stoppte er, wie so oft. Meist brach er schluchzend zusammen. Sein kleines Mädchen. Was hatten sie ihr angetan. Die Hand ballte sich zur Faust und das Grollen in seinem Bauch wurde übermächtig. 
24. August 2020, er wartete auf dieses Datum. 
»Bis dahin muss es bereinigt sein, für dich, meine Kleine. Bald kommt die Rache. Keiner, der daran beteiligt war, darf der Strafe entgehen«, murmelte er. »Eine Buße, die der Schwere des Verbrechens angemessen ist. Eine Vergeltung, die nicht durch einen gewieften Rechtsverdreher ins Positive gewandelt werden kann! Du hast den Zeitpunkt bestimmt, mein Mädchen.« Mit dem letzten Satz wischte er die Tränen aus dem Gesicht und stand auf.

Ferdl hatte grünes Licht gegeben. Sie hatten sich perfekt vorbereitet und sie würden es bis zum Ende durchziehen.
Mit zitternden Fingern tastete er in seiner Brusttasche nach dem einen Stück Papier, das er immer bei sich trug.  Als Erinnerung, dass es noch nicht vorbei war. Die verblasste Schrift auf dem zerknitterten Zettel war kaum mehr leserlich. Vielleicht sollte er wieder eine neue Kopie anfertigen? Wozu? Er kannte den Text auswendig.


Olympiazentrum Dornbirn

Es war der 22. Juli 2020 und Cindy war selig, endlich wieder Urlaub in ihrer Heimat zu verbringen.
Als Cindy auf den Parkplatz des Landessportzentrums einbiegen wollte, wurde sie von einem uniformierten Beamten weitergewinkt. Was taten die zahlreichen Einsatzfahrzeuge hier? 
Es war über zwölf Jahre her, dass Cindy in der Landessportschule in Dornbirn trainiert hatte. Mittlerweile hieß es Landessportzentrum. Sie selbst war bis zur Matura aktive Kunstturnerin gewesen, später hatte sie einmal vor ihrem Studium ein paar Euros dazuverdient und beim Sommertraining ausgeholfen. Nun war ihre Nichte, die vierzehnjährige Laura, in ihre Fußstapfen getreten. 
Sie wollte sie zum Training bringen und dabei selbst einen Blick in ihre alte Trainingsstätte werfen. 
»Was ist denn hier los?« Vom Beifahrersitz aus verrenkte Laura ihren Hals und versuchte zum Eingang zu spähen. 
Cindy fuhr weiter zum benachbarten Fußballplatz und lenkte den Audi ihrer Schwägerin auf den dortigen Parkplatz.
»Sieh mal, Katharina ist da. Und Annika.« Laura deutete auf die Gruppe am Wiesenrand. 
Kaum standen sie in einer Parklücke, hüpfte das Mädel aus dem Auto und rannte zu den anderen.
»Hallo Katharina, was ist denn da los?«, rief Cindy, während sie sich den Mädchen näherte.
»Es liegt angeblich ein Toter drin, man wollte uns nichts sagen.« Die Mundwinkel der sonst so fröhlichen Trainerin hingen herab. »Auf jeden Fall ist die Turnhalle bis auf weiteres gesperrt. Was kann da wohl passiert sein? Ein Unfall?«
In Cindy begann es zu kribbeln. Sie musste da hinüber.
»Denkst du, es könnte Mord sein?« Laura hüpfte von einem Bein aufs andere. »Wie im Fernsehen? Mensch, Cindy, lass uns hinübergehen.«
Ehe sie antworten konnte, sammelte Katharina die Mädchen ein und lotste sie zur Gymnastik auf den Fußballplatz. Nun war Cindy nicht aufzuhalten. Ihren ›Heimvorteil‹ würde sie nützen.
Zügig ging sie über die Wiese zum Sportzentrum hinüber, sie kannte den Weg noch von damals. Wie gehofft, kam sie so ungehindert zum Parkplatz und Hintereingang des Gebäudekomplexes. 
Auf einer Holzbank saß eine bekannte Gestalt, die heftig an einer Zigarette zog. 
»Heinz, ich habe dich noch nie rauchen gesehen.« Cindy trat näher. Der stets zu einem Spaß aufgelegte Hauswart sah mit trübem Blick auf. Cindy erschrak fast, wie blass er aussah. »Geht’s dir nicht gut?«
»Eine Leiche«, ein weiterer Zug am Glimmstängel, »es ist entsetzlich.«
»Hier? Ein Unfall?« 
Heinz schüttelte den Kopf, zog erneut an der Zigarette und drückte sie dann im Stehaschenbecher neben der Bank aus. Wieder blickte er sie mit unglücklichem Ausdruck an. »Mord.«
Mord? Unmöglich! Oder doch? Wenn es Heinz, der eine Gemütsruhe wie ein Elefant besaß, aus den Latschen kippte, dann konnte es nur wahr sein.
»Wer ist denn umgekommen?«
»Du kennst ihn nicht, er war ein lästiger Stänkerer. Ein Vater von einem Turner.« Heinz angelte sich eine neue Kippe aus dem Zigarettenpäckchen. »Er war ein Idiot, aber so was hat er nicht verdient, niemand verdient das.« 
Zigmal musste er das Rädchen an seinem Feuerzeug drehen, bis seine Zigarette brannte, so sehr zitterten ihm die Hände. In Cindy rotierte alles, doch sie zwang sich zur Geduld. 
Und richtig, Heinz sprach kurz darauf weiter. »Ich habe ihn bei meinem morgendlichen Check gefunden, den mache ich normal immer um halb sechs, heute war ich später dran, weil der Wecker seinen Geist aufgegeben hat und meine Frau zurzeit nicht da ist. Auf jeden Fall war es schon nach sechs. Ich hab’s gleich gerochen, so ein süßer Geruch, fast wie Metall. Einfach anders als sonst.« Er holte tief Luft. »Er hing da, aufgebunden auf dem Pauschenpferd. Es war furchtbar.« Heinz hustete heftig, schien sich jeden Moment zu übergeben. 
Wie eine eiskalte Dusche rieselte es Cindy trotz der Hitze den Rücken hinunter.