Die Geschichte der Familie Heim-Werlenbach geht weiter

Das Geheimnis in deinem Herzen

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Band 5

Iolanthe und Reggie treffen sich an einer Bar. Er findet sie hinreißend und offenbar möchte auch sie ihn sofort vernaschen. Es ist, als hätten sich zwei Menschen zufällig und mit dem gleichen Ziel an einem Ort getroffen: Eine ungezwungene, heiße Liebesnacht.

Aber der Schein trügt!

Iolanthe weiß genau, wem sie da gerade gegenübersitzt. Reggie ist nämlich der Chef ihrer besten Freundin, der als Schwerenöter bekannt ist. In einem Gespräch zwischen den beiden Freundinnen, wurde er zu ihrem Wetteinsatz, denn Iolanthe ist der Meinung, dass sie jeden dazu bringen könne, sich in sie zu verlieben – selbst einen Frauenheld wie Reggie. Die Bedingung für den Sieg ist entweder eine fünfmonatige Beziehung oder eine Liebeserklärung von Reggie. Iolanthe ist fest davon überzeugt, dass ihm der Ausgang der Wette letztlich ohnehin egal sein würde. Zudem ist er ein Casanova, der auch mal selbst erleben dürfte, wie es ist, abserviert zu werden. Doch schon bald werden beide feststellen, dass die Liebe ihren eigenen Regeln folgt!

Leseprobe:

Gefühle bedeuten Ablenkung
Ein Tag zuvor.

Seit einer Stunde prüfte Iolanthe die neue Testreihe, gab Zahlen in den Computer ein und verglich die Ergebnisse. Sie genoss es, am Samstag in Ruhe allein zu arbeiten. Im Geist plante sie bereits den Ablauf des Montags, Organisation und effektives Einteilen der Mitarbeiter waren ihre Spezialität.
Für sämtliche Mitglieder ihres Teams galt sie als Freak. Eine, die ausschließlich für ihre Wissenschaft lebte. Ein Mensch ohne nennenswerte Freizeitaktivitäten. Und so war es auch. Erbärmlich.
Im Institut kannten sie alle nur in ihrem weißen Arbeitsmantel, der ihre wohlgeformte Figur erfolgreich verbarg. Ihre Haare waren zusammengefasst in einer straffen Hochsteckfrisur, blasse Haut, konzentrierte Miene: Fertig war der Prototyp einer alten Jungfer. 
Hin und wieder gönnte sie sich eine Auszeit, die alles andere als jugendfrei war. Das war ihr Geheimnis, von dem niemand etwas ahnte.
Im Grunde genommen versank sie gern in ihren Testreihen und Zahlen. Die Stille war greifbar. Das war es, was sie wollte. Für sie gab es kein normales Leben, das war ihr von frühester Kindheit eingetrichtert worden.

Wer mit hoher Intelligenz geboren wird, ist der Menschheit etwas schuldig.
Die Worte ihres Vaters klangen heute noch deutlich in ihrem Kopf. Im gleichen Sinne tönten seine anderen Maximen. 

Gefühle bedeuten Ablenkung. Ablenkung mündet in Versagen. Versagen ist Niederlage. Niederlage bedeutet den Wechsel auf die Verliererseite.
Iolanthe war auf Erfolgskurs geblieben. Auch wenn sie sich manchmal mehr erhofft hatte als Statistiken, Formeln und Zahlen. Energisch konzentrierte sie sich wieder auf den Bildschirm. Wo hatte sie die Abweichung gesehen?
Zum Glück gab es am Samstag keine Störungen.
Ein Irrtum. 
»Es war klar, dass du arbeitest.«
Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie zwang sich, flach zu atmen. Werner Erlach! Der einzige Mann, der unter ihren Panzer gekrochen war. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, gegen die Dogmen ihres Vaters zu verstoßen. Ein Mensch, der sich von der Masse abhob, hatte keinen Anspruch auf Liebe. Das war ihr seit frühester Kindheit bewusst gewesen.
»Was tust du hier?«
»Ich bin ebenso Mitarbeiter an diesem Institut wie du.« Ein amüsierter Zug umspielte seine Mundwinkel. Mit den tiefblauen Augen und den dunkelblonden Haaren, die sich auch beim größten Sturm perfekt an seinen Kopf legten, stand er da. Die einst große Liebe ihres Lebens. Er berührte immer noch gewisse Saiten in ihr. Ihre Hände schwitzten. Hitze stieg in ihre Wangen.
Verflucht! Sie hasste das!
»Musst du nicht zu Hause sein? Deine Frau möchte bestimmt wenigstens am Wochenende deine Gesellschaft genießen.«
»Sie hat Verständnis, dass ich meine Wissenschaft brauche.« Er klang unbekümmert. Genauso bedenkenlos hatte er ihr damals den Laufpass gegeben. Weil er sich eine Familie und Kinder wünschte und keine Laborratte, wie er sie bezeichnet hatte.
»Ich möchte zu Hause abschalten können und nicht über Versuchsmöglichkeiten diskutieren.« Seine Worte hatten sich tief in ihre Seele gebrannt.
»Ich wusste, dass dich die Testreihe nicht in Ruhe lässt.« Sie forschten an einem neuen Artemisinin-Präparat in Kombination mit Ibuprofen, um sowohl die Malaria dauerhaft bekämpfen, als es auch bei Krebserkrankungen einsetzen zu können. Werner war wie sie Wissenschaftler durch und durch. Seit Jahren arbeiteten sie Hand in Hand; sie galten als harmonisches Team. Es war logisch, dass sie privat ein Liebespaar geworden waren. Iolanthe hatte sich ein bleibendes Arrangement ausgemalt. Sogar ihr Vater hatte ihre Beziehung zu einem Wissenschaftler gebilligt. 
Hätte es funktioniert, wenn sie ihm seinen Kinderwunsch erfüllt hätte?
Sie hatte es sich zu dieser Zeit nicht vorstellen können. Ihre eigene sterile Kindheit wollte sie niemandem zumuten, schon gar nicht einer Tochter oder einem Sohn. So ein Würmchen wäre neben ihr zum Verhungern verdammt. Sie fraß sich dermaßen tief in ihre Studien, dass sie nichts außerhalb wahrnahm. Für Männer war es einfach, sie wussten den Nachwuchs bei den Müttern und tauchten nur gelegentlich zu Hause auf. Sie konnten beides haben, Karriere und Kinder. Frauen mussten sich entscheiden. Iolanthe hatte die Wissenschaft gewählt. In sieben Monaten feierte sie ihren vierzigsten Geburtstag, damit war das Thema Familie für sie endgültig vom Tisch. Sex, unverbindlich und emotionslos, war das Einzige, das sie sich erlaubte. Jedoch nicht mit ihrem verheirateten Ex-Freund!
Warum musste Werner heute hier auftauchen? Ihre Haut kribbelte, ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Ein brennender Knoten ballte sich in ihrem Bauch. Zorn. Sonst gelang es ihr stets, mit ihrem Ex umzugehen wie mit jedem anderen Arbeitskollegen.
Weshalb beschwor er diese intime Situation herauf?
»Bis zur Klinikstudie in Mainz muss alles im Trockenen sein.«
Werner legte seine Hand auf ihre. Ihre Finger ballten sich zur Faust. Werners Mund kam näher. 
»Ich bin deinetwegen gekommen. Karin hat keine Lust momentan und wir hatten doch früher Spaß miteinander.«
Iolanthe löste sich aus dem Bann und schüttelte seine Hand ab. »Das ist acht Jahre her. Und ich brauche dich gewiss nicht, um Spaß zu haben, wie du es ausdrückst.«
»Sei nicht so nachtragend!« Werner strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Du bist heute noch eine Wahnsinnsfrau, meine Favoritin …«
»Spar dir das. Du hast mich vor ein Ultimatum gestellt, daran erinnere ich mich! Ich sollte auf meinen Posten hier verzichten und dir stattdessen in dein trautes Heim folgen, dir warme Mahlzeiten servieren und ein paar kleine Erlachs in die Welt setzen.«
»Wäre das eine Katastrophe gewesen? Abgesehen davon, dass du nicht mal ein Ei kochen kannst?«
»Ich habe den Job hier angeboten bekommen und nicht du. Das ist es, was dich bis heute wurmt. Dein Plan war, mich mit einem Ehering dazu zu bringen, dir die Stelle zu überlassen.«
»Ich hätte die Leitung hier verdient.« Sein Gesicht faltete sich kurz zu einer Fratze. Sekunden nur, aber deutlich sichtbar, ehe sich seine Züge glätteten. Er hob die Hände, als wollte er sich ergeben. »Egal, das ist lange her. Du leitest die Abteilung eindrucksvoll und kompetent.«
Ein Lob? Von Werner?
»Dennoch darf ich unserer gemeinsamen privaten Vergangenheit nachtrauern.«
»Du bist verheiratet. Mit einer liebenswürdigen Frau.«
… die sich zu viel gefallen ließ …
»Karin ist … sie ist eben Karin. Und was ich will, ist ein bisschen Genuss mit einer Könnerin wie dir. Leidenschaft, Lust, Ungezwungenheit.«
Iolanthe zuckte zusammen. War das alles gewesen, was er für sie empfunden hatte? Spaß im Bett? 
Welche Frage! Schließlich hatte er sie ohne Bedauern abserviert.
Dreckskerl!
Sie schwieg. Resignation und Enttäuschung schwappten in ihr hoch und töteten die Wut. Dass sie diesen Mann einmal geliebt hatte und trotz allem noch immer ein winziges Stück davon übrig war. Gefühle ließen sich nicht ein- und ausknipsen wie eine Glühbirne. Und da war dieses Quäntchen in ihr, das auf sein schmieriges Angebot eingehen wollte. Um dieser Frau, dem braven Hausmütterchen, das er ihr vorgezogen hatte, zu zeigen, dass Sex ein Gebiet war, auf dem sie ihr nicht das Wasser reichen könnte.
Eine primitive Rache, die die Falsche treffen würde. Iolanthe konnte ihr das nicht antun. Karin, Werners Frau, betete ihn an. Sie war sanft und naiv. Es wäre … wie ein Kind zu treten. 
Iolanthe genoss die Freuden der körperlichen Vereinigung. Sie hatte akzeptiert, dass sie nicht ohne Sex auskam. Werner war ein großzügiger Liebhaber gewesen, sie hatten sich ergänzt, bei der Arbeit und im Bett. Bis zu jenem Tag, als Werner dazu verurteilt wurde, die zweite Geige zu spielen, obwohl er ein halbes Jahr älter war.
Er blies seinen Atem in ihren Nacken. Ihr Körper verriet sie schändlich. Ihr Unterleib pochte, ihre Haut brannte und auf dem Kopf breitete sich eine Gänsehaut aus. Sollte sie sich nicht einfach holen, was sie brauchte? Endlich einmal wieder beim Sex auf ihre Kosten zu kommen, statt der hohlen One-Night-Stands, die sie sich ab und zu leistete? 
Nein. Sie drehte sich um.
»Du hast mich damals weggeworfen wie einen Putzlappen.« Ihre Hände ballten sich. »Nur weil du es nicht verkraftet hast, dass ich deine Vorgesetzte werde.«
»Zeige mir den Mann, der gerne seine Frau als Chefin hätte. Abgesehen davon wären wir ein grauenhaftes Ehepaar geworden.« Werner stützte sich vor ihr auf. »Keiner von uns kann kochen.«
»Wozu gibt es Fertiggerichte und Restaurants?« Ihr war bewusst, dass sie im Haushalt eine absolute Niete war. In ihrer Jugend hatte ihr Vater auf andere Dinge Wert gelegt als auf häusliche Qualitäten. 
»Du wolltest keine Kinder.«
»Nein. Ich wäre eine entsetzliche Mutter, wie du ein grottenschlechter Vater bist.«
»Wie bitte?« 
»Wie oft sieht dich dein Sohn? Deine Arbeitszeiten decken sich fast mit meinen. Warst du jemals bei einem seiner Fußballspiele oder Klavierabenden dabei?«
»Oh Mann, bei dem Geklimpere bekomme ich Ohrenschmerzen.«
»Du hörst es ohnehin nicht, weil du nie daheim bist. Wie konnte deine Frau bloß ein zweites Mal schwanger werden?«
»Übertreib nicht.« Werner kratzte sich am Kopf, eine Eigenschaft, die Iolanthe hasste.
»Glaubst du, ich weiß nicht, warum du hier herumhängst? Du hoffst, dass ich einen Fehler mache und du meinen Job ergatterst. Das wird nicht passieren, Garantie drauf.«
»Du leidest unter Verfolgungswahn.« Er klopfte mit den Fingern auf das Pult. »Ich hätte mir ernstlich gewünscht, dass du ebenfalls einen Partner findest und merkst, dass Arbeit nicht alles ist. Kinder sind die Zukunft.«
»Was tust du dann hier an einem Samstag, wo du angeblich glücklich bist, Frau und Kind zu besitzen, bald zwei Kinder?«
Er hob die Arme. »Ich dachte, du wünschst dir wieder einmal einen Mann im Bett. Kann nicht gesund sein, ganz ohne Sex.«
»Zu deiner Information: Ich habe Sex. Mehr als du mir bieten könntest.« Sie drehte sich energisch zu ihrer Testreihe. Ihre Hände zitterten. »Jetzt lass mich arbeiten, ich habe Wichtigeres zu tun, als dein Ego aufzupolieren.«
Er lachte kurz.
»Viel Spaß mit deinem Vibrator.«
Gottlob, er war endlich weg. Iolanthe atmete minutenlang durch, bis das Zittern nachließ. Danach verließ sie ebenfalls die Laborräume und setzte sich in ihrem Büro an den Computer. Sie rief eine geheime Datei auf. 
Letzten Monat hatte sie begonnen zu recherchieren. Es war reif für Phase eins. 
Ihre Cousine Janine hatte ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt. Sie erinnerte sich an das Gespräch mit ihr vor knapp vier Wochen. 
Sie saßen bei ihrem Lieblingsitaliener. Janine war verknallt. Wieder einmal. Die zierliche Brünette verliebte sich alle Monate bedauerlicherweise immer in den Falschen.
»Er beachtet mich kaum.«
»Vielleicht denkt er, dass du sein Essen nicht schätzt, weil du so dünn bist?«
Mörderischer Blick. Daniel, ihr Auserwählter, war Kantinenkoch von ›Heim-Backwaren‹, der Firma, in der Janine arbeitete.
»Er ist selbst schlank und hat eine hammermäßige Figur.«
Hieß es nicht immer, Frauen wären Äußerlichkeiten nicht wichtig? Janines Zielobjekte hätten allesamt im ›Playgirl‹ Modell stehen können.
»Mach ihn auf dich aufmerksam. Setz Signale.«
»Zum Beispiel?«
»Männer ticken alle gleich. Zieh dir was Aufreizendes an, klimpere mit den Wimpern, stolpere, schütte ihm dein Getränk auf die Hose und biete dich an, sie zu waschen …«
»Das könnte ich nie.« Röte überzog Janines Wangen. »So unkompliziert ist das nicht.«
»Doch, ist es. Männer sind dem Sex-Appeal von Frauen machtlos ausgeliefert. Wir müssen nur unsere Waffen einsetzen.«
»Das glaube ich nicht.«
»Kannst du aber. Nur die Frischverliebten haben Immunitätsstatus, alle anderen … wenn ich mich ins Zeug lege, kriege ich jeden.«
»Ha.« Janine trank einen großen Schluck. »Für eine Nacht vielleicht. Ich will mehr als Sex, eine Beziehung, Liebe …«
»Pah.« Iolanthes abwehrende Handbewegung streifte den vorbeieilenden Kellner. »Entschuldigung.«
»Wünschen die Damen noch etwas?«
»Danke, nein.« Er hastete weiter.
»Meinst du, er hat was gehört?«
»Was denn? Das Wort ›Sex‹? Wird für ihn nicht neu sein.« Der trockene Kommentar entlockte ihrer Cousine ein Kichern. Plötzlich zwinkerte Janine und sie sah Iolanthe von unten herauf verschlagen an.
»Du bist also der Meinung, dass du einen Mann nicht nur für eine Nummer ins Bett bekommst, sondern ihn zu einer längerfristigen Affäre verführen kannst?«
»Bombensicher. Allerdings habe ich keinen Grund.«
»Doch. Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffst, meinen Chef zu angeln.«
»Deinen Chef?« Iolanthe nahm rasch einen Schluck.
»Die Anzahl der Damen, die durch sein Schlafzimmer marschieren, sind Gerüchten zufolge legendär. Aber keine dieser Schönheiten überlebt eine Woche bei ihm. Na, nimmst du die Herausforderung an?« 
»Was zum Teufel ist in deinem Cocktail drin?« Iolanthe klopfte mit dem Fingerknöchel auf Janines Cocktailglas.
»Abgesehen davon lebt dein Chef in Bernried. Da fahre ich gewiss nicht hin.«
»Er hat eine Zweitwohnung in München, da spielt sich sein Liebesleben ab.«
»Du meinst sein Sexualleben. Mit Liebe hat das nichts zu tun.«
»Wie auch immer.«
»Woher weißt du das überhaupt?«
»Seine Putzfrau hat angerufen und gemeldet, dass sie wegen Grippe ausfällt.«
»Aha. Alles andere ist reine Spekulation von dir.«
»Ich weiß, in welcher Bar er die Mädels aufreißt.«
Iolanthe verschluckte sich und röchelte. »Woher?«
»Er lässt sich monatlich eine Rechnung schicken.«
»Ich fass es nicht.« 
»Also?«
»Auf keinen Fall.«
»Kapitulierst du vor einem Frauenhelden?«
»Die Idee ist schwachsinnig.« Iolanthes Haare stellten sich auf. Ihre Sex-Abenteuer waren anonym.
»Angst, dass du versagst?«
Eiswürfel kratzten Iolanthes Rücken hinunter. Versagen war das Schlimmste!
»Wer sagte soeben, dass sie jeden Mann um den Finger wickeln könne? Weibliche Reize et cetera?«
»Das waren Tipps für dich. Ich bin nicht erpicht auf eine Beziehung.«
»Du bist mir einen Beweis schuldig. Mein Chef eignet sich bestens. Du kannst ihn nicht einmal verletzen, denn er investiert keine Gefühle.«
»Vergiss es. Konzentriere dich nach Möglichkeit darauf, deinen Koch zu erobern.«
Janine hörte nicht zu.
»Falls du gewinnst, gehe ich mit dir auf diese Kulturreise, die du dir wünschst.«
»Die Loire-Schlösser? Du hasst Reisen mit Führungen.«
»Eben. Solltest du verlieren …« Janine rührte ihren Cocktail mit dem Strohhalm um.
»Ja?« Iolanthe fragte pro forma. Auf diesen haarsträubenden Blödsinn ließ sie sich eindeutig nicht ein.
»Wir fahren auf Badeurlaub. An die Adria.«
»Um Gottes willen.«
»Ein Grund für dich zu gewinnen. Und es trifft unter dem Strich keinen Unschuldigen. Er soll mal am eigenen Leib erfahren, wie es ist, sich zu verlieben, und dann – peng! – lässt ihn die Frau fallen.«
Peng. Das war der entscheidende Klick in Iolanthe.
Eine Welle formte sich in ihrem Inneren und schwappte förmlich aus ihr heraus. Ein Kribbeln erfasste sie und in ihrem Kopf summte es.
Aufregung. Abenteuer. Raus aus der Eintönigkeit. Ein Projekt am lebenden Menschen wie jedes andere in ihrem Institut. Ihre Zunge machte sich selbstständig.
Was hatte Janine noch erwähnt? Liebe?

»Verlieben ist nicht drin. Aber dass er sich auf eine Affäre einlässt. Deal?«
Janine nickte. Ihre Augen glänzten, die Wangen waren gerötet. Iolanthe hatte ihre Cousine niemals zuvor so aufgeregt erlebt. »Ab wann zählt es? Zwei Nächte sind zu wenig. Ein paar Monate.«
»Drei.«
»Neun.«
»Du spinnst. Vier, mein letztes Wort.«
»Fünf, oder er erklärt dir seine unsterbliche Liebe. Gebongt.« 
»Abgemacht.« Das mit der Liebe war nicht ernsthaft eine Option.
Märchen hatte sie nicht einmal für bare Münze genommen, als sie drei war.
»Bekam der Wolf eine Narkose zum Bauchaufschneiden? Und wo waren dann die Steine? Im Magen? Da passt doch nicht so viel rein! Hat der Jäger das Blut aufgewischt?«
Sie war fürchterlich erschrocken, als ihre Mutter das Buch quer durch den Raum geworfen hatte. »Es macht keinen Sinn, wenn ich dir vorlese.«
Sie blickte verwirrt auf Janines ausgestreckte Hand.
»Schlag ein.«
Warum tat sie es? Weil ihre Cousine der einzige Mensch war, der ihr nahestand? Der sie mochte, wie sie war? Janine stand ihr näher als ihre Schwester. Janine war dreizehn Jahre jünger als Iolanthe, hatte die Ferien oft bei ihrer Großmutter verbracht. Dort hatten sie sich kennengelernt. Ihre Großmutter hatte Iolanthes Kindheit zumindest ein wenig Wärme eingehaucht, daher hatte sie sie bis zu ihrem Tod vor sechs Jahren regelmäßig besucht.
Einer farblosen Kindheit war ein ebenso graues Leben gefolgt. Kalkuliert ohne triviale Amüsements, fortwährend Stress und Druck im Nacken, Arbeit, Konzentration. War ihre Beziehung zu Werner nicht auch genau das gewesen?
In ihrem Kopf bildete sich bereits das Konzept: Wie verführe ich einen Frauenhelden?
Die Wette bot ihr einen Grund, aus ihrem Alltag auszubrechen.
Konnte sie ein wenig Spannung in ihr Leben bringen? Einen Kick?
Eine Kampfansage.
Ihr Opfer hatte keine Ahnung. Vier Wochen Recherche lagen hinter ihr. Aus dem Rohentwurf entstand ein Programm mit Zeitplan. Akribisch tüftelte Iolanthe über Einzelheiten. Was waren seine Vorlieben? Wo hielt er sich auf? Auf welchen Typ Frau stand er? Iolanthe recherchierte im Internet und quetschte Janine aus. Erstaunlich, was eine persönliche Assistentin alles mitbekam. Iolanthe lernte, wie er seinen Kaffee gerne trank, kannte sein Lieblingsessen, seine bevorzugte Musikrichtung, seine Freizeitvergnügen, wie er sich kleidete und welche Lokale er besuchte.
Reggie Heim brachte Spannung und Aufregung in ihr eintöniges Alltagsleben, obwohl sie ihn noch nicht einmal persönlich kannte. Eine zwanglose Affäre. Sex ohne Reue. Mit einem Mann, der keine Kinder wollte, kein Haus mit Vorgarten und der um Gottes willen niemals verlangte, dass sie für ihn kochte oder seine Hemden bügelte. Denn das konnte sie nicht.
Sie musste ihn nur dazu bringen, dass er gewillt war, länger als eine Nacht mit ihr zu verbringen. Hoffentlich war er kein Versager beim Sex. Frauenhelden wurden vielfach überbewertet. 
Die erste Nacht würde es zeigen.

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